
Welche Verantwortung haben Journalist:innen und Medien für den Aufstieg der AfD? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien und dem Verschwinden von Lokaljournalismus und regionalen Tageszeitungen? Und wer füllt die Lücke? Unabhängige Radios oder Social Media? Braucht es endlich eine Tageszeitung für und aus Ostdeutschland?
In Episode #3 sprechen wir über die Medienlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die Bedrohungen für unabhängigen Journalismus und die öffentlich-rechtlichen Sender NDR und MDR durch die AfD – und die Verantwortung von Journalist:innen in der Berichterstattung über die extreme Rechte – in den Parlamenten und auf der Straße.
In beiden Bundesländern ist die Zahl der Medienhäuser auf einem Tiefstand: Von ehemals 14 Tageszeitungen sind in Sachsen-Anhalt noch zwei Tageszeitungen im Besitz der Bauer Media Group mit flächendeckenden Lokalausgaben übriggeblieben. In Mecklenburg-Vorpommern sind drei der vier Tageszeitungen im Besitz der Mediengruppe Schwäbisch Media. Die Frage liegt auf der Hand: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Sterben von Lokaljournalismus und dem Aufstieg der AfD? Denn Studien aus den USA zeigen, dass die Wahlerfolge der extrem rechten MAGA-Bewegung dort besonders hoch ausgefallen sind, wo es keine Lokalmedien mehr gibt. Umso weniger überraschend ist es, dass die AfD in ihren Regierungsprogrammen für die beiden Bundesländer ein klares Ziel verfolgt: Die öffentlich-rechtlichen Sender MDR und NDR sollen ihre Unabhängigkeit verlieren und unter Kontrolle der extremen Rechten geraten. Dafür sollen im ersten Schritt die Rundfunkstaatsverträge aufgekündigt werden.
Mit der Politikwissenschaftlerin Teresa Völker sprechen wir über die Verantwortung von Journalist:innen und Medienhäusern für den Aufstieg der AfD – und welche Kriterien bei der Berichterstattung wichtig sind. Die Wüstenradar-Studie zeigt, wie in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt durch die Monopolstellung weniger Verlagshäuser, Digitalisierung und KI und enormen Kostensteigerungen bei Vertrieb- und Produktion eine Mediensteppe entstanden ist.
Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ) wollte eine Lücke in der ostdeutschen Medienlandschaft füllen – mit diesem Versprechen ist das neueste Projekt des Verlegers Holger Friedrich im Frühjahr 2026 angetreten. Was daraus geworden ist und wie die OAZ zu einer problematischen Normalisierung rechtsextremer Diskurse beiträgt, beobachtet der Journalist Matthias Meisner. Er fragt: Wie kann eine Berichterstattung aussehen, die nicht nur von außen auf Ostdeutschland schaut, sondern die die Vielfalt von Stimmen und Perspektiven zu Wort kommen lässt?
Die Reportage von Lilly Biedermann über die Proteste gegen den Neonazi-Aufmarsch am 8. Mai in Demmin macht deutlich: Es braucht unabhängigen Lokaljournalismus, damit die Aktionen und Perspektiven von Engagierten Gehör finden – im Lokalen und überregional. Die gute Nachricht: Es gibt noch immer unabhängige Medienprojekte und Freie Radios, zum Beispiel Radio Corax in Halle (Saale) mit dem Common Voices Programm. Die Redakteur:innen Johanne und Jey berichten, wie sich das Freie Radio seit 30 Jahren behauptet hat und von ihrem mehrsprachigen Programm mit und für Hörer:innen mit Fluchtbiografien. Auch das Rostocker Straßenzeitungsprojekt Strohhalm gibt es inzwischen seit 30 Jahren: Chefredakteur Morten Hübbe berichtet über die älteste und letzte Straßenzeitung in Mecklenburg-Vorpommern.
Gäste
Teresa Völker, Politikwissenschaftlerin am Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung des Wissenschaftszentrums Berlin & Gastwissenschaftlerin an der Harvard University am Minda de Gunzburg Center for European Studies
Matthias Meisner, freier Journalist und langjähriger politischer Korrespondent des Tagesspiegel
Lilly Biedermann, freie Journalistin in Greifswald
Radio CORAX, Freies Radio aus Halle an der Saale & Redaktion Common Voices
Morten Hübbe, Journalist und Redaktionsleitung der Rostocker Straßenzeitung Strohhalm
Shownotes
Teresa Völker und Mika Bauer: Strategien, Krisen, Lernprozesse: Die Medien und der Aufstieg der äußersten Rechten (2025).
Teresa Völker: Die Normalisierung der extremen Rechten und wie demokratische Parteien und Medien dazu beitragen (2025).
European Centre for Press and Media Freedom & Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger: Lokaljournalismus unter Druck: Sicherheitsempfinden und Bedrohungserfahrungen von Lokaljournalist:innen in Sachsen und Thüringen (März 2025)
Bundestag: Angriffe auf Pressefreiheit und Medienschaffende in den Jahren 2024 und 2025. Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE im Bundestag (März 2026).
Center for Media Pluralism and Media Freedom: Local Media for Democracy (2025).
Hamburg Media School & Netzwerk Recherche: Der Wüstenradar – Vom Verschwinden der Lokalzeitung.
Paul Varhi & John Folk: In news deserts, Trump won in a landslide (12/2024).
Maxim Flösser: Keine Lokalzeitung – mehr AfD (2024).
Beth Macy: Paper Girl – A Memoir of Home and Family in a Fractured America (2025).
Schutzkodex – Kodex für Medienhäuser
Mitarbeit
Redaktion & Hosting: Katharina Warda, Heike Kleffner, Juli Katz
Schnitt: Benjamin Jenack